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200 Bewerbungen und trotzdem kein Job: Wie Finn Ross mit ENTERN die Jobsuche einfacher machen will

Kelly Ejiofor

4. Nov 2026

100 Bewerbungen. 200 Bewerbungen. Manchmal sogar 300. Und trotzdem kein Arbeitsvertrag.

Finn Ross kennt Menschen, die genau das erleben. Sie sind qualifiziert, haben studiert oder bereits Berufserfahrung gesammelt und verbringen trotzdem Woche für Woche damit, Stellenanzeigen zu durchsuchen, Anschreiben anzupassen und auf Rückmeldungen zu warten, die häufig nie kommen.

Dabei hat Finn selbst erlebt, wie schwer es sein kann, auf einem angespannten Arbeitsmarkt den richtigen Einstieg zu finden. Als er vor rund zweieinhalb Jahren aus der Psychologie in die IT wechselte, wusste er zunächst nicht einmal, dass es eine berufliche Rolle gab, die genau zu seinen Fähigkeiten passte.

Heute arbeitet er in der Cybersecurity-Branche und baut parallel ENTERN, eine KI-gestützte Web-App, die Bewerbern helfen soll, schneller passende Stellen zu finden, bessere Bewerbungen zu erstellen und berufliche Möglichkeiten zu entdecken, von denen sie vorher möglicherweise noch nichts wussten. Die erste Version ist bereits online. Rund 20 Menschen testen die Plattform, die Unternehmensgründung ist abgeschlossen und die erste größere Marketingkampagne soll im Dezember beginnen.

Was ursprünglich aus Gesprächen mit Freunden entstand, die trotz zahlreicher Bewerbungen keinen Job fanden, wurde innerhalb weniger Monate zu einem eigenen Softwareprodukt.

I · Warum Bewerbungen für viele Menschen längst zu einem Vollzeitjob geworden sind

Der Arbeitsmarkt verändert sich gerade auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Unternehmen automatisieren Aufgaben, nutzen künstliche Intelligenz zur Vorauswahl von Bewerbungen und überprüfen zunehmend, welche Tätigkeiten sie überhaupt noch durch neue Mitarbeiter besetzen müssen.

Besonders bei Einstiegspositionen beobachtet Finn diese Entwicklung kritisch. Während Unternehmen ihre internen Prozesse effizienter gestalten, konkurrieren auf Bewerberseite häufig viele qualifizierte Menschen um dieselben Stellen. Das Ergebnis ist ein Bewerbungsprozess, der für einzelne Personen immer aufwendiger wird.

Wer sich ernsthaft bewirbt, muss passende Stellen recherchieren, Anforderungen vergleichen, Unterlagen anpassen und den Überblick über bereits verschickte Bewerbungen behalten. Nach einer Absage beginnt vieles von vorne. Teilweise kommt nicht einmal eine Rückmeldung.

Für Finn ist genau diese Belastung das eigentliche Problem. Nicht unbedingt das Schreiben eines einzelnen Anschreibens, sondern die Menge an Zeit und Energie, die Menschen über Wochen oder Monate in ihre Jobsuche investieren müssen.

Hinzu kommt eine zweite Schwierigkeit: Viele Bewerber suchen nur nach Berufen, deren Bezeichnungen sie bereits kennen. Dabei passen ihre Fähigkeiten möglicherweise zu ganz anderen Positionen.

Finn selbst ist dafür ein gutes Beispiel. Nach seinem Studium der Psychologie und Verhaltensökonomie wechselte er als Quereinsteiger in das Requirements Engineering, also die Ermittlung und Beschreibung von Anforderungen an Software. Dort arbeitete er an einem großen Migrationsprojekt in der Versicherungsbranche und vermittelte zwischen Fachabteilungen und Softwareentwicklern. Die einen verstanden die Geschäftsprozesse, die anderen die technische Umsetzung. Seine Aufgabe bestand darin, beide Perspektiven zusammenzubringen.

„Ich hatte gar keine Ahnung, dass es dieses Profil gibt.“

Erst als er die Berufsbezeichnung entdeckte, wurde ihm klar, wie gut seine bisherigen Fähigkeiten zu dieser Tätigkeit passten. Genau solche übersehenen Möglichkeiten möchte er mit ENTERN sichtbar machen.

II · Was ENTERN wirklich macht: Bessere Bewerbungen in weniger Zeit und ein Karrierekompass für unbekannte Möglichkeiten

ENTERN konzentriert sich zunächst auf zwei Probleme, die eng miteinander verbunden sind: Bewerber brauchen bessere Unterlagen, und sie müssen wissen, für welche Stellen sie sich überhaupt bewerben können.

Das erste Feature unterstützt bei der Erstellung von Bewerbungen. Mithilfe künstlicher Intelligenz können Nutzer ihre Unterlagen schneller an unterschiedliche Stellen anpassen, ohne jedes Mal wieder bei null anzufangen. Dadurch können sie sich auf mehr passende Positionen bewerben, ohne Abstriche bei der Qualität ihrer Bewerbungen machen zu müssen. Dadurch wird es möglich, sich auf mehr passende Positionen zu bewerben, ohne den Qualitätsanspruch aufzugeben.

Finn ist dabei wichtig, dass nicht einfach massenhaft generische KI-Texte entstehen.

„Dass nicht klar als ki-generiert erkennbare Allgemeinplätze verschickt werden, sondern individuelle Bewerbungen mit gleichbleibendem, hohem Qualitätsanspruch.“

Das Ziel ist also nicht, möglichst viele beliebige Bewerbungen zu verschicken. Vielmehr soll der Aufwand pro Bewerbung sinken, während die Unterlagen basierend auf Qualifizierung und Erfahrung des Nutzers auf die jeweilige Stelle zugeschnitten werden.

Die zweite zentrale Funktion nennt sich Karrierekompass. Nutzer stellen ihren Lebenslauf und ihre bisherigen Erfahrungen zur Verfügung. Anschließend entsteht in einem Dialog mit der KI eine Art Mindmap möglicher beruflicher Rollen und Wechselwege. Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um Akademiker oder klassische Berufseinsteiger. Auch Menschen mit Berufserfahrung, Quereinsteiger und Bewerber ohne Hochschulabschluss sollen berufliche Möglichkeiten entdecken können, die sie bisher nicht berücksichtigt haben. Der Karrierekompass soll damit genau die Situation verhindern, die Finn selbst erlebt hat: dass jemand über Fähigkeiten verfügt, die zu einem Beruf passen, diesen Beruf aber schlicht nicht kennt.

Technisch ist die Plattform bereits verfügbar und befindet sich in der Beta-Phase.

Rund 20 Testnutzer verwenden ENTERN derzeit kostenlos. Die erste größere Marketingkampagne ist für Anfang Dezember geplant, um anschließend auch zahlende Nutzer zu gewinnen. Das Preismodell sieht vor, dass grundlegende Funktionen wie die Jobsuche und die Bearbeitung des Lebenslaufs dauerhaft kostenlos bleiben, während KI-gestützte Funktionen über bedarfsabhängig erwerbbare Credits genutzt werden können. Auf ein Abonnement wird bewusst verzichtet, da ENTERN Nutzer idealerweise nur während ihrer Jobsuche begleitet, bis sie eine passende Stelle gefunden haben.

Finn sieht die aktuelle Version allerdings nicht als fertiges Endprodukt. Gerade weil sich der Arbeitsmarkt und die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz so schnell verändern, soll die Plattform kontinuierlich weiterentwickelt werden.

III · Warum das wichtigste Feature nicht am Schreibtisch entstand, sondern durch einen Beta-Nutzer

Als Finn mit der Entwicklung begann, überraschte ihn zunächst, wie schnell sich heute Software bauen lässt. Mit modernen KI-Werkzeugen könne man innerhalb weniger Stunden bereits eine rudimentäre Anwendung erstellen und anschließend direkt ausprobieren, ob eine Idee funktioniert.

Doch aus einem funktionierenden Prototyp entsteht nicht automatisch ein Produkt, das Menschen tatsächlich brauchen. Diese Erkenntnis wurde für Finn besonders wichtig, als die ersten Nutzer ENTERN ausprobierten. Sein größter bisheriger Meilenstein war deshalb nicht die fertige Web-App oder die formale Unternehmensgründung.

Es war das erste echte Nutzerfeedback.

Natürlich freut es ihn, wenn jemand mithilfe der Plattform relevante Stellen findet oder innerhalb kurzer Zeit zahlreiche Bewerbungen erstellen kann. Für ihn gehört das allerdings zum grundlegenden Leistungsversprechen eines Produkts, für das später Geld verlangt werden soll.

Noch wertvoller sind Nutzer, die sich intensiv mit der Anwendung beschäftigen und konkrete Verbesserungsvorschläge machen. Ein Beta-Nutzer gab ihm beispielsweise Feedback, aus dem schließlich eine vollständig neue Funktion entstand. Finn setzte die Idee um und meldete sich anschließend persönlich zurück.

„Dein Feature ist fertig zum testen!“

Gerade solche Momente zeigen ihm, warum Produktentwicklung nicht allein aus den Vorstellungen des Gründers bestehen sollte.

Wer seine eigene Software jeden Tag verwendet, entwickelt irgendwann blinde Flecken. Bestimmte Abläufe erscheinen selbstverständlich, weil man selbst weiß, wie sie gedacht sind. Für neue Nutzer können dieselben Abläufe unverständlich oder unnötig kompliziert sein. Deshalb möchte Finn auch künftig direkte Feedbackkanäle offenhalten.

IV · Warum KI das Gründen einfacher macht – und gleichzeitig völlig neue Fehler ermöglicht

Finn betrachtet künstliche Intelligenz nicht nur als Technologie hinter seinem Produkt. Sie ist auch das Werkzeug, das seine eigene Gründung überhaupt erst in dieser Form ermöglicht hat.

Ohne klassischen Programmierhintergrund konnte er innerhalb weniger Monate eine Web-App entwickeln, die bereits von echten Menschen getestet wird. Das wäre vor einigen Jahren vermutlich deutlich aufwendiger gewesen. Trotzdem hat er inzwischen eine ziemlich klare Vorstellung davon, wo die Grenzen solcher Werkzeuge liegen.

Gerade in der Softwareentwicklung könne künstliche Intelligenz dazu verleiten, immer weitere Funktionen, Abhängigkeiten und technische Strukturen aufzubauen, obwohl das eigentliche Problem viel einfacher zu lösen wäre. Aus einem kleinen Produkt entsteht dann schnell ein unnötig kompliziertes System. Er versucht regelmäßig zu überprüfen, was tatsächlich entstanden ist, welche Entscheidungen sinnvoll waren und welche Komplexität er sich möglicherweise selbst geschaffen hat.

Dafür hat er eine eigene Routine entwickelt.

Alle zwei bis drei Wochen blickt er auf die vergangene Entwicklungsphase zurück und dokumentiert, was er gelernt hat. Dabei nutzt er auch seine KI-Chatverläufe, um nachvollziehen zu können, mit welchen technischen Fragen er sich beschäftigt hat und wie sich sein Verständnis verändert hat. Das soll verhindern, dass er zwar immer schneller Produkte baut, dabei aber selbst kaum noch versteht, wie sie funktionieren.

„Es ist ein Motor, der mich extrem schnell fahren lässt.“

Umso wichtiger sei es, zwischendurch anzuhalten und nachzusehen, was unter der Haube eigentlich passiert.

V · Warum beglaubigt.de die Unternehmensgründung vereinfachte, während Finn bereits am Produkt arbeitete

Während Finn bereits an ENTERN arbeitete, erste Nutzer die Plattform testeten und der Marktstart vorbereitet wurde, stand noch die formale Unternehmensgründung an. Da er parallel weiterhin in der Cybersecurity-Branche arbeitet und das Start-up allein aufbaut, wollte er möglichst wenig Zeit mit administrativen Aufgaben verlieren.

Über beglaubigt.de wickelte er schließlich die Gründung ab. Für ihn passte der Service zu einer Entwicklung, die auch sein eigenes Unternehmen möglich gemacht hatte: Prozesse durch digitale Lösungen einfacher und zugänglicher zu gestalten.

Während Finn sich auf Produktentwicklung, Datenschutz und die ersten Kunden konzentrieren konnte, unterstützte beglaubigt.de ihn bei der formalen Gründung. Damit war ein wichtiger Schritt geschafft, um aus der bereits getesteten Web-App ein reguläres Geschäftsmodell mit zahlenden Nutzern zu entwickeln.

VI · Warum Finn keinen festen Fünfjahresplan hat – und anderen Gründern rät, mehr Menschen anzusprechen

Fragt man Finn, wo ENTERN in fünf Jahren stehen soll, bekommt man keine klassische Antwort mit Nutzerzahlen, Umsatzprognosen oder Expansionsplänen.

Er weiß es schlicht nicht. Und er hält diese Unsicherheit nicht unbedingt für etwas Negatives.

Der Arbeitsmarkt verändert sich derzeit so schnell, dass er kaum abschätzen kann, wie Menschen in fünf oder zehn Jahren Bewerbungen schreiben oder überhaupt nach Arbeit suchen werden. Vielleicht wird ENTERN dann völlig anders funktionieren. Vielleicht entstehen neue Möglichkeiten durch KI-Avatare oder andere Technologien. Vielleicht verändern sich Bewerbungsprozesse so stark, dass heutige Funktionen kaum noch gebraucht werden.

Für Finn ist genau diese Ungewissheit allerdings auch faszinierend. Er möchte kein Unternehmen aufbauen, das starr an einer einmal entwickelten Lösung festhält. Stattdessen soll ENTERN auf Veränderungen reagieren können und sich gemeinsam mit dem Arbeitsmarkt weiterentwickeln.

Kurzfristig ist sein Ziel deutlich konkreter: Bewerbern helfen, den eigenen Qualitätsanspruch an ihre Unterlagen in einem Bruchteil der bisherigen Zeit zu erfüllen. Langfristig bleibt entscheidend, ob die Plattform weiterhin ein reales Problem löst.

Sein wichtigster Rat an andere Gründer hat allerdings weniger mit Technologie zu tun. Er empfiehlt, früh mit Menschen aus der jeweiligen Branche zu sprechen.

Während der Entwicklung von ENTERN stellte er fest, wie hilfsbereit viele Menschen tatsächlich sind. Selbst Personen aus dem Recruiting, die ihn vorher überhaupt nicht kannten, nahmen sich Zeit für Gespräche und teilten ihre Erfahrungen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Für ihn war das eine der positivsten Erfahrungen der gesamten Gründung.

Dazu kommt ein zweiter Rat: den eigenen Lernprozess ernst nehmen. Nicht nur das Ergebnis zählt, sondern auch das Wissen, das während der Entwicklung entsteht. Deshalb dokumentiert Finn regelmäßig seine Fortschritte und versucht bewusst zu verstehen, welche Erfahrungen er aus jeder Phase mitnehmen kann.

Vielleicht beschreibt das auch seine bisherige Gründung am besten.

ENTERN entstand nicht aus einem perfekten Businessplan oder einer jahrelangen Karriere in der Softwareentwicklung. Es entstand aus der Beobachtung eines Problems, aus eigenen Erfahrungen als Quereinsteiger und aus der Möglichkeit, mit neuen Werkzeugen selbst eine Lösung zu bauen. Jetzt muss sich zeigen, ob diese Lösung auch außerhalb seines eigenen Umfelds funktioniert.

Und genau darauf freut sich Finn: ein Produkt in die Welt zu geben und herauszufinden, was die Menschen tatsächlich damit anfangen.

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