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Gründerstory

Wie Marat Timergaliev mit Virkla Bewerbungsprozesse fairer machen will – und warum das eigentliche Problem nicht die KI, sondern menschliche Vorurteile sind

Kelly Ejiofor

24. Aug 2026

Nach mehr als dreizehn Jahren als Softwareentwickler hätte Marat Timergaliev vermutlich jedes technische Problem lösen können. Was ihn jedoch dazu brachte, neben seinem Vollzeitjob ein Unternehmen aufzubauen, war kein technisches Problem, sondern ein menschliches.

Während seines Masterstudiums mit Schwerpunkt Informatik und Entrepreneurship, das ihn sowohl nach Paris als auch nach Berlin führte, beschäftigte ihn immer stärker eine Frage: Warum bekommen Menschen mit derselben Qualifikation oft völlig unterschiedliche Chancen, nur weil ihr Name anders klingt, sie einer Minderheit angehören oder unbewusst Vorurteile auslösen?

Diese Erfahrung hatte er selbst immer wieder beobachtet. Nicht nur im privaten Umfeld, sondern auch in Unternehmen. Als Marat sah, wie zwei Bewerbungen mit ähnlichem Profil unterschiedlich behandelt wurden — nur weil ein Name ‚vertrauter‘ klang — war ihm klar, dass das kein Einzelfall ist.

Aus dieser Beobachtung entstand Virkla, eine Recruiting-Plattform, die Unternehmen dabei helfen soll, Bewerber zunächst ausschließlich nach ihren Fähigkeiten zu bewerten und unbewusste Diskriminierung im Bewerbungsprozess deutlich zu reduzieren.

Warum Recruiting oft viel früher entscheidet, als Unternehmen glauben

Die meisten Unternehmen würden vermutlich von sich behaupten, objektiv einzustellen. Stellenanzeigen werden veröffentlicht, Bewerbungen gesichtet und anschließend folgen Gespräche mit den vielversprechendsten Kandidaten.

Für Marat ist klar, dass die eigentliche Entscheidung häufig schon deutlich früher fällt.

Nicht bewusst, stattdessen unbewusst.

Ein Name, eine Universität, ein Herkunftsland oder sogar ein Foto reichen oft aus, damit Menschen automatisch Annahmen treffen, lange bevor sie sich mit den tatsächlichen Fähigkeiten eines Bewerbers beschäftigen. Gerade weil diese Prozesse meist unbewusst ablaufen, seien sie besonders schwer zu erkennen.

Für Unternehmen wird daraus nicht nur ein gesellschaftliches Problem.

Es ist inzwischen auch ein wirtschaftliches Risiko.

Gerade mit dem EU AI Act, der KI im Recruiting als High-Risk einstuft, brauchen Unternehmen nicht nur gute Absichten, sondern nachweisbare, strukturierte Prozesse. Wer Bewerber ausschließlich aufgrund fachlicher Kriterien bewerten möchte, braucht deshalb zunehmend strukturierte Prozesse.

Genau dort setzt Virkla an.


Wie Virkla Recruiting neu organisieren möchte

Die Plattform begleitet Unternehmen über nahezu den gesamten Recruiting-Prozess.

Bereits beim Erstellen einer Stellenanzeige beginnt die Unterstützung. Eine integrierte KI überprüft Formulierungen darauf, ob sie regulatorischen Anforderungen entsprechen oder unbewusst diskriminierende Kriterien enthalten.

Marat nennt dafür ein einfaches Beispiel.

Viele Unternehmen schreiben noch immer Begriffe wie „deutscher Muttersprachler“ in ihre Stellenausschreibung. Aus seiner Sicht sei diese Anforderung in vielen Fällen weder notwendig noch rechtlich sinnvoll. Die KI weist Unternehmen deshalb auf solche Formulierungen hin und schlägt neutralere Alternativen vor.

Im nächsten Schritt erstellt jedes Unternehmen seinen eigenen Recruiting-Prozess innerhalb der Plattform. Bewerbungen werden zunächst vollständig anonymisiert. Persönliche Informationen wie Name, Herkunft oder andere identifizierende Merkmale verschwinden zunächst vollständig aus dem Auswahlprozess. Stattdessen bewertet Virkla Kandidaten anhand ihrer Fähigkeiten und gleicht diese mit den Anforderungen der jeweiligen Stelle ab. Erst deutlich später treten persönliche Informationen wieder in den Vordergrund.

Zusätzlich integriert die Plattform Messaging, Terminplanung sowie Video- und Audiointerviews direkt in denselben Workflow.

Langfristig denkt Marat diesen Ansatz sogar noch weiter. Er arbeitet bereits an einer Lösung, bei der auch Videointerviews anonymisiert werden sollen. Stimme und Erscheinungsbild würden dabei so verändert, dass Interviewer weder Geschlecht noch ethnische Herkunft erkennen können.

Das Ziel bleibt immer dasselbe: Menschen sollen zuerst aufgrund ihrer Kompetenzen beurteilt werden.

Warum das Produkt gar nicht die größte Herausforderung war

Rückblickend überrascht Marat vor allem eine Erkenntnis. Als Softwareentwickler ging er lange davon aus, dass die Qualität des Produkts der wichtigste Erfolgsfaktor eines Unternehmens sei. Heute sieht er das anders.

„Ich dachte immer, das Produkt ist das Wichtigste. Aber eigentlich ist Sales viel wichtiger.“

Diese Erkenntnis kam nicht aus Lehrbüchern, sondern aus den ersten Gesprächen mit potenziellen Kunden.

Technisch war Virkla bereits weit entwickelt. Die Plattform funktionierte, erste Tests liefen erfolgreich und viele Funktionen waren bereits einsatzbereit. Schwieriger war es dagegen, Unternehmen überhaupt davon zu überzeugen, dass Diskriminierung im Recruiting ein reales Problem darstellt. Viele Gesprächspartner wollten zunächst wissen, warum Anonymisierung überhaupt notwendig sei.

Sie wollten Bewerber sehen.

Sie wollten Namen lesen.

Sie wollten einschätzen können, ob jemand „kulturell ins Team passt“.

Für Marat ist genau das der Kern des Problems. Denn diese Entscheidungen beruhen häufig nicht auf Fähigkeiten, sondern auf unbewussten Vorurteilen. Gerade deshalb sieht er seine eigentliche Aufgabe heute nicht mehr nur in der Softwareentwicklung. Sondern darin, Unternehmen die Auswirkungen solcher Prozesse verständlich zu machen.

Zwischen Vollzeitjob und Unternehmensaufbau

Virkla entsteht nicht unter idealen Bedingungen.

Marat arbeitet weiterhin rund vierzig Stunden pro Woche in seinem Hauptberuf und entwickelt das Unternehmen in jeder freien Minute weiter. Insgesamt kommt er nach eigener Aussage häufig auf 55 bis 60 Arbeitsstunden pro Woche. Trotzdem beschreibt er diese Zeit nicht als Belastung. Im Gegenteil. Für ihn gehört genau diese Lernphase zum Gründen dazu.

Neue Probleme tauchen täglich auf, viele davon lassen sich nicht sofort lösen. Gerade weil es keinen Vorgesetzten gibt, an den man schwierige Entscheidungen weitergeben könnte, müsse man lernen, selbst Verantwortung zu übernehmen.

„Du bist die Person, die das Problem lösen muss.“

Wenn ein Thema einmal nicht weiterkomme, wechselt er bewusst kurzfristig zu einer anderen Aufgabe, um kleine Erfolgserlebnisse zu schaffen und anschließend mit neuer Motivation zurückzukehren.

Diese Strategie helfe ihm, langfristig produktiv zu bleiben.

Warum die eigentliche Gründung überraschend unkompliziert verlief

Vor der Unternehmensgründung hörte Marat immer wieder dieselben Geschichten.

Notartermine würden Monate dauern. Behördenprozesse seien langsam. Die eigentliche Gründung koste unendlich viel Zeit. Seine eigene Erfahrung fiel deutlich positiver aus.

Über beglaubigt.de lief der gesamte Prozess wesentlich schneller als erwartet. Besonders positiv beschreibt er dabei nicht nur die Geschwindigkeit, sondern vor allem die Benutzeroberfläche und den persönlichen Support.

„Die Benutzeroberfläche ist intuitiv. Alles war klar und einfach.“

Gerade für Gründer, die parallel bereits am Produkt arbeiten, sieht er darin einen entscheidenden Vorteil.

Jede Stunde, die nicht in Bürokratie investiert werden müsse, könne stattdessen in Kunden oder Produktentwicklung fließen.

Die Vision: Faire Recruiting-Prozesse als neuer Standard

Langfristig möchte Marat deutlich mehr als nur eine Recruiting-Software anbieten.

Seine Vision besteht darin, Unternehmen aktiv bei der Entwicklung diskriminierungsfreier Arbeitsumgebungen zu begleiten. Neben der Plattform selbst möchte er künftig Beratungsleistungen anbieten und Unternehmen dabei unterstützen, ihre internen Prozesse objektiver zu gestalten. Dazu gehört auch ein Bewertungssystem. Unternehmen, die nachweislich faire Recruiting-Prozesse einsetzen und Vielfalt tatsächlich leben, könnten künftig entsprechende Zertifizierungen oder Ratings erhalten.

Für Marat wäre das ein wichtiges Signal – sowohl für Bewerber als auch für Unternehmen selbst. Nicht als Marketinginstrument. Sondern als messbarer Qualitätsstandard.

Was Marat anderen Gründern rät

Wenn Marat heute auf seinen bisherigen Weg zurückblickt, spricht er erstaunlich selten über Finanzierung, Wachstum oder Unternehmensbewertungen.

Viel wichtiger erscheint ihm eine andere Erkenntnis. Große Ziele wirken oft so weit entfernt, dass sie eher demotivieren als motivieren. Deshalb versucht er, jedes große Vorhaben in viele kleine Etappen aufzuteilen.

„Man sollte kurze Meilensteine haben und nicht zu weit nach vorne schauen.“

Jeder kleine Fortschritt schaffe neue Motivation und halte die Entwicklung in Bewegung. Vielleicht beschreibt genau das auch seinen eigenen Weg. Nicht die eine große Idee brachte Virkla voran. Sondern viele kleine Schritte, die am Ende gemeinsam zu einer Plattform wurdcrer machen soll.

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